SOP Sepsis Langversion

Standardarbeitsanweisung (SOP)

Sepsis: Prävention, Diagnostik, Therapie, Nachsorge

Geltungsbereich und Quellen

Diese SOP gilt für alle Bereiche des Krankenhauses (Notaufnahme, Normalstation, Intensivstation, OP/Anästhesie, Funktionsbereiche) und orientiert sich an der aktuellen S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ (AWMF, 2025, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/079-001), den Kriterien des Qualitätssicherungsverfahrens „Diagnostik und Therapie der Sepsis (QS Sepsis IQTIG, 2025, https://iqtig.org/qs-verfahren/qs-sepsis/ ), den Empfehlungen der Surviving Sepsis Campaign (2021, https://journals.lww.com/ccmjournal/fulltext/2021/11000/surviving_sepsis_campaign__international.21.aspx ) und Empfehlungen des Robert Koch Instituts / RKI (https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/S/Sepsis/Sepsis-node.html ). Sie ist verbindlich für alle Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes, Pflegedienstes sowie beteiligter Funktionsdienste.  Die SOP gilt für alle Patienten mit dem Verdacht auf Infektion und Hinweisen auf eine mögliche Organdysfunktion im Sinne einer Sepsis. Die SOP gilt für Erwachsene (Patienten ab 18 Jahren), wobei Teile der SOP auch bei niedrigerem Alter zutreffend sind.

1      Zielsetzung

Ziel dieser SOP ist es, die Prophylaxe, die frühzeitige Erkennung, leitliniengerechte Diagnostik und Therapie und strukturierte Nachsorge von Patienten mit Sepsis oder septischem Schock zu verbessern, um deren Morbidität und Letalität zu reduzieren. Die SOP dient der Patientensicherheit, der Standardisierung der Versorgung und der Qualitätssicherung im gesamten Krankenhaus.

2      Verantwortlichkeiten nach Berufsgruppen und Bereichen

  • Ärztlicher Dienst: Prophylaxe, Sepsis-Screening, Diagnosestellung, Therapie mit Verlaufskontrolle, Nachsorge
  • Pflegedienst: Sepsis-Screening, Beobachtung, Vitalparameter Kontrolle, Unterstützung bei Diagnostik und Therapie, Dokumentation, Angehörigenbetreuung.
  • ZINA: Screening aller stationär aufgenommenen Patienten Erstdiagnostik, 1-Stunden-Bundle, Organisation der Primärversorgung und Verlegung.
  • Normalstation: Regelmäßiges Screening aller Patienten, Erstdiagnostik, Einleitung des 1-Stunden-Bundles, Organisation der Primärversorgung und eventuellen Verlegung (IMC, ITS).
  • ITS: regelmäßiges Screening aller Patienten, Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Sepsis, Einleitung der Nachsorge.
  • Apotheke: Bereitstellung und Beratung zu Antiinfektiva, Teilnahme am Antibiotic Stewardship (ABS)
  • Hygiene: Schulung, Auditierung, Infektionsprävention.
  • Physiotherapie: Frühmobilisation, Atemtherapie, Sekretmanagement; Reorientierung, Unterstützung bei der Diagnostik von Langzeitfolgen
  • Sozialdienst / Psychologie: Nachsorge, Planung, psychosoziale Unterstützung.

3       Relevanz von Sepsis und septischem Schock

DieSepsisist ein lebensbedrohlicher Notfall, genau wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Die hohe Sterblichkeit und belastende Langzeitfolgen sind ein relevantes Problem im deutschen Gesundheitswesen. Je nach Quelle erkranken in Deutschland jährlich zwischen 230.000 und 500.000 Menschen an einer Sepsis, zwischen 65.000 und 100.000 Menschen sterben an der Erkrankung. Die Sepsis ist damit die dritthäufigste Todesursache in unserem Land, es sterben so viele Menschen an einer Sepsis, wie an einem Herzinfarkt und einem Schlaganfall zusammen. Ein nicht unerheblicher Anteil dieser Todesfälle gilt als vermeidbar. Rund 75 % der Menschen, die eine Sepsis überleben, leiden an Spätfolgen (Post-Sepsis). Schnelles Erkennen, sofortige Diagnostik und zügige Therapie reduzieren die Sepsissterblichkeit und die Häufigkeit von Spätfolgen. Bedingt durch die Häufigkeit und die hohe Sterblichkeit hat die Erkrankung zudem eine hohe gesundheitsökonomische Relevanz.

4      Definition und Pathophysiologie

Sepsis: Akut lebensbedrohliche Organdysfunktion, hervorgerufen durch eine inadäquate Wirtsantwort auf eine Infektion. Für die Diagnose einer Sepsis-assoziierten Organdysfunktion ist ein Anstieg des Sequential Organ Failure Assessment (SOFA) Score um ≥ 2 Punkte zu verwenden (das Organversagen muss neu aufgetreten und durch die aktuelle Infektion bedingt sein). Septischer Schock: Eine trotz adäquater Volumentherapie persistierende arterielle Hypotension mit der Notwendigkeit einer Therapie mit Vasopressoren, um einen mittleren arteriellen Blutdruck von ≥ 65 mmHg zu erreichen. Gleichzeitig muss der Laktatwert im Blut > 2 mmol/l betragen.

Pathophysiologie: – Dysregulierte Immunantwort auf Infektion → systemische Entzündungsreaktion (Hyperinflammation / Immunparalyse): Endotheliale Dysfunktion, Vasodilatation, Kapilläres Leck, Gerinnungsaktivierung, Mikrozirkulationsstörungen, Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot- und verbrauch, Organhypoperfusion – Multiorganversagen

5      Risikogruppen 

Patientenbezogene Faktoren

RisikofaktorBegründung / Pathophysiologie
Höheres Alter (>65 J.)Abnehmende Immunfunktion, Multimorbidität
Säuglinge / KleinkinderUnreifes Immunsystem
Chronische ErkrankungenErhöhte Infektanfälligkeit, verzögerte Immunantwort
Malignome / TumorerkrankungenImmunsuppression durch Erkrankung oder Therapie
ImmunsuppressionEingeschränkte Abwehrreaktion auf Infektionen

Behandlungs- und umgebungsbezogene Faktoren

RisikofaktorBegründung / Pathophysiologie
Krankenhausaufenthalt / IntensivstationErhöhtes Risiko für Exposition gegenüber multiresistenten Keimen, invasive Maßnahmen
Invasive KatheterEintrittspforte für Mikroorganismen
BeatmungVentilatorassoziierte Pneumonie
OperationenGewebetrauma, Fremdkörper, Infektionsrisiko

Risikofaktor Begründung / Pathophysiologie

Infektionsbezogene Faktoren

RisikofaktorBegründung / Pathophysiologie
Unbehandelte InfektionErhöhtes Risiko systemischer Ausbreitung und metastatischer Absiedlung
Multiresistente ErregerVerzögerte oder unzureichende initiale kalkulierte Antibiotikatherapie
Polymikrobielle InfektionenSchwer kontrollierbare Entzündungsreaktion und Limitierung der Antibiotikatherapie

Risikofaktor Begründung / Pathophysiologie

Spezielle Patientengruppen

RisikofaktorBegründung / Pathophysiologie
Schwangere / WochenbettImmunmodulation, Uterus-, Mamma-Infektionen
Neugeborene / Frühgeborene)Unreifes Immunsystem, Invasive Behandlung, Beatmung
Ältere PatientenZunehmende Immunsuppression, Multimorbidität

Risikofaktor Begründung / Pathophysiologie

Medikamentöse Fremdkörper-assoziierte Faktoren

RisikofaktorBegründung / Pathophysiologie
Langzeit-SteroidtherapieImmunsuppression, verzögerte Heilung
Chemotherapie / BiologikaMyelosuppression, erhöhtes Infektionsrisiko
Implantate / ProthesenBiofilmbildung mit Erregerevasion (Immunabwehr, Antibiotika)
TransplantationErhöhte Infektionsanfälligkeit durch Immunsuppression

Merke:

●             Je stärker das Immunsystem beeinträchtigt ist, desto höher das Risiko einer Sepsis.

●             Invasive Maßnahmen sind potenzielle Eintrittspforte.

●             Frühzeitiges Erkennen und Management (wenn möglich Entfernen) infektiöser Quellen ist entscheidend.

●             Besonders bei Risiko-Patienten ist engmaschiges Monitoring (Vitalparameter, Labor, NEWS2, SOFA) zwingend erforderlich.

●             Jeder Patient (auch ohne Risikofaktoren) kann an einer Sepsis erkranken.

6      Prävention der Sepsis

6.1     Prävention von Risikofaktoren

Risikofaktoren für eine Sepsis sind u.a. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen und Adipositas. Diese Risikofaktoren sind durch Prävention vermeidbar oder weniger stark ausgeprägt. Durch Vermeidung der Risikofaktoren ist die Ausbildung einer Sepsis weniger wahrscheinlich.

  • Ausreichende körperliche Bewegung
  • Gesunde Ernährung
  • Vermeidung von chronischem Alkoholkonsum und Rauchen

6.2    Hygiene und Infektionsprävention

  • Händehygiene nach WHO (Indikationen zur Händedesinfektion – Aktion Saubere Hände):
  • Vor Patientenkontakt
  • Vor aseptischen Tätigkeiten
  • Nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material
  • Nach Patientenkontakt
  • Nach Kontakt mit der Patientenumgebung
  • Umgebungshygiene: Reinigung, Desinfektion von Flächen, Geräten und insbesondere Pflegeutensilien, die mehrere Patienten benutzen.
  • Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) entsprechend Situation (Isolation, Patient:in mit übertragbaren Erregern).
  • Zusätzliche Präventionsmaßnahmen bei Patienten mit bekannten multiresistenten Erregern (u.a. Schutzkleidung, Isolierung) lt. KRINKO-Empfehlungen und ärztlicher Risikoanalyse.
  • Schulung zur Hygiene, Beobachtung/Auditierung der Compliance (z. B. Händehygiene, Flächendesinfektion, persönliche Schutzausrüstung).
  • Maßnahmen bei invasiven Eingriffen
    • Nur bei klarer Indikation invasive Geräte wie intravaskuläre Katheter, Blasenkatheter, Drainagen, Schlauchsysteme einsetzen.
    • Aseptische Anlage und Pflege von Gefäßkathetern: vollständige sterile Barriere, Hautantiseptik, steriles Arbeitsfeld. (siehe KRINKO „Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen”) 
    • Regelmäßige Kontrolle der Notwendigkeit dieser Zugänge, möglichst frühe Entfernung, sobald sie nicht mehr gebraucht werden.
    • Schutz vor Wundinfektionen: OP-Sterilität, perioperative Antibiotikaprophylaxe, gute Wundpflege, ggf. Drainagen
    • Katheterhygiene bei Harnkathetern: aseptische Anlage, saubere Urinkatheterpflege, möglichst kurze Liegedauer.

6.3    Konsequenter Behandlung von Infektionen

Nur eine konsequente, rationale Antibiotikatherapie unter Beachtung

  • lokaler/regionaler/(inter-) nationaler Erreger- und Resistenzdaten (= kalkulierte Antibiotikatherapie)
  • der Ergebnisse der Antibiotika-Empfindlichkeitstestung (= gezielte Antibiotikatherapie) und
  • eines indikationsgerechten Einsatzes von Antiinfektiva unter Beachtung pharmakokinetischer – und dynamischer Faktoren sowie
  • ggfs. notwendiger chirurgischer Sanierung wird zur erfolgreichen Sanierung einer Infektion führen. Damit wird die eine nachfolgenden Entwicklung einer Sepsis sehr unwahrscheinlich.

6.4     Antibiotika-Stewardship / Rationaler Antibiotikaeinsatz

IQTIG

“Therapieleitlinie zur antiinfektiven Therapie unterstützt durch ein multidisziplinäres Antibiotic-Stewardship-Team in allen Krankenhäusern sollte die Steuerung der antiinfektiven Therapie der Sepsis mittels interner Therapieleitlinien unterstützt durch ein multidisziplinäres Antibiotic-Stewardship (ABS)-Team erfolgen.”

  • Das interdisziplinäres ABS-Team regelt den rationalen Antibiotikaeinsatz (Link zur Geschäftsordnung des ABS-Teams; Link zur internen Antibiotikatherapie-SOP)
  • Es werden regelmäßig ABS-Visiten durchgeführt (Wöchentliche bettseitige Infektiologische Visite: Anmeldung für alle Stationen über Konsil im KIS mit Diagnose, aktuelle AB- Therapie und Fragestellung)
  • Nur bei Verdacht auf bzw. bestätigter Infektion und entsprechend Leitlinien Antibiotika einsetzen – keine unnötige oder prophylaktische Übertherapie. 
  • Kalkulierte (im englischen „empirische“) Therapie nach lokal/regional/national typischer Erreger- und Resistenzsituation sowie Patientenanamnese (ggfs. Erreger- und Resistenzsituation der Herkunftsregion bei positiver Reiseanamnese beachten!) ausrichten. 
  • Nach Erhalt mikrobiologischer Befunde → Deeskalation bzw. Anpassung der Therapie (spezifische Antibiotikatherapie).
  • Die Dauer der Antibiotikatherapie sollte, wenn die Quelle kontrolliert und der:die Patient:in stabil ist, so kurz wie es klinisch sinnvoll ist erfolgen.

6.5    Multimodale Strategien zur Implementierung von Infektions- Präventionsmaßnahmen

IQTIG

“Durchführung eines multimodalen Präventionsprogramms von zentralvenösen Gefäßkatheter (ZVK)-assoziierten Infektionen zur Prävention von Sepsis.”

  • Teilnahme aller Pflegekräfte, die mit konventionellen ZVKs umgehen an einer Schulung zum Thema “Multimodalen Präventionsprogramms von zentralvenösen Gefäßkatheter (ZVK)-assoziierten Infektionen zur Prävention von Sepsis” 
  • Durchführung und Nachweis der Schulung (E-Learning) über das Lernmanagementsystem (Link zur Schulung im LMS) Amboss??
  • Durchführung von Audits zur Überprüfung der Pflege von zentralen Venenkathetern (ZVK) durch Hygienefachkräfte nach Vorgabe des IQTIG.

6.6    Impfung

  • Über Impfungen gemäß STIKO müssen auch Patienten im Krankenhaus aufgeklärt und informiert werden:
    • Pneumokokken bei Risikogruppen
    • Influenza jährlich
    • COVID-19, wenn aktuell empfohlen
  • Impfungen des Personals sollten angeboten und organisiert werden:
    • Influenza jährlich
    • COVID-19, wenn aktuell empfohlen
  • Patienten mit Hypo-/Asplenie sollten gemäß STIKO-Empfehlungen geimpft sein (Pneumokokken, Meningokokken, Haemophilus influenzae Typ B, Influenza [Risiko einer bakteriellen Sekundärinfektion]). Der Impfstatus ist bei der stationären Aufnahme zu erfassen
  • Patienten, bei denen im aktuellen Krankenhausaufenthalt eine Splenektomie durchgeführt wurde, sollen über die gemäß STIKO empfohlenen Impfungen aufgeklärt werden. Zudem ist ihnen ein Asplenie-Notfallpass (erhältlich unter www.asplenie-net.org ) auszuhändigen

7      Frühe Anzeichen und Symptome

7.1    Allgemeine Frühsymptome

  • Fieber > 38,0 °C oder Hypothermie < 36,0 °C
  • Tachykardie > 90/min
  • Tachypnoe > 22/min, Atemnot, Kurzatmigkeit
  • Schüttelfrost, allgemeines Krankheitsgefühl
  • Neu aufgetretene Verwirrtheit, Unruhe, Apathie, Wesensveränderung
  • Schwäche, Schwindel, Hautmarmorierung
  • Hypotonie (RR systolisch < 100 mmHg), fadenförmiger Puls
  • Reduzierte Urinmenge (< 0,5 ml/kg/h) über mindestens 2 Stunden
  • Starke Schmerzen, ein nie gekanntes Krankheitsgefühl
  • Kalte, feuchte, fleckige Haut, Petechien, Marmorierung

7.2    Organbezogene Warnzeichen

Tabelle: Wahrzeichen einer Sepsis (nach Organen)

OrgansystemFrühsymptome / Auffälligkeiten
ZNSAkute Verwirrtheit, Desorientiertheit, GCS < 15
KreislaufHypotonie, Tachykardie, kalte Extremitäten, verlängerte Rekapzeit
AtmungTachypnoe, Dyspnoe, Hypoxie, (SpO2 < 90 % (< 88 % bei COPD) unter Raumluft), Zyanose
NiereOligurie/Anurie, erhöhter Kreatininwert
LeberIkterus, erhöhte Leberenzyme
GerinnungPetechiale Blutungen, Thrombozytopenie, Störung der plasmatischen Gerinnung
HautBlässe, Marmorierung, petechiale Blutungen

 Checkliste zu Symptomen, Infektionen und Organversagen

(Taschenkarte des SepsisDialog: Downloads 📑Material für Schulungen zur Sepsis)

Abbildung 1: Taschenkarte des SepsisDialogs

Merke:

  • Jeder Patient, bei dem klinisch ein ungutes Gefühl besteht oder der einen auffälligen Gesamteindruck vermittelt, ist als potenziell sepsisverdächtig zu betrachten.
  • Hinweise von Angehörigen auf Veränderungen oder neu aufgetretene Symptome sollten stets ernst genommen werden.
  • Auffällige Patienten stehen solange unter Sepsisverdacht bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Patientinnen zeigen oft geringer ausgeprägte Symptome als Patienten.

8      Screening und Diagnostik

Verantwortlichkeiten

BerufsgruppeAufgabe
Pflege / Ärztlicher DienstVitalparametererfassung, NEWS/qSOFA-Screening, Blutkulturabnahme, Laborproben, Dokumentation
Ärztlicher DienstAnamnese, klinische Untersuchung, Anordnung Diagnostik, Interpretation Befunde, Therapieentscheidung
Radiologie / Labor / Med. MikrobiologieDurchführung und rasche Befundübermittlung
ITS-TeamUnterstützung bei Diagnostik und Management schwerer Verläufe

8.1    Screening (s. auch gesonderte SOP Erkennen und Management von Sepsis in der Patientenversorgung)

IQTIG

“Risikoeinschätzung für eine Sepsis 

Grundlage für alle weiteren Prozessbestandteile der Diagnostik und Therapie ist die initiale Einschätzung der Patientin oder des Patienten, bei der bzw. bei dem ein Verdacht auf eine Infektion vorliegt oder ob bereits Anzeichen für einen Verdacht auf Sepsis erkennbar sind. In dieser Ersteinschätzung sollen insbesondere klinische Anzeichen für eine Sepsis, wie z. B. neu auftretende Anomalien des Verhaltens, des Kreislaufs oder der Atmung, mögliche Quellen einer Infektion sowie die Abfrage von Risikofaktoren für eine Sepsiserkrankung Berücksichtigung finden.”

Ein Sepsis-Screening sollte für akut erkrankte Hochrisikopatienten generell in allen Bereichen des Krankenhauses durchgeführt werden, in den regelmäßig mit septischen Patienten zu rechnen ist. 

Die frühzeitige Identifizierung von Patienten mit Sepsis ist von hoher Bedeutung, da eine frühzeitige Therapie das Überleben wesentlich verbessern kann. Allerdings ist die Symptomatik oft sehr unspezifisch und heterogen. Patienten haben oft allgemeine Anzeichen und Symptome einer Infektion (zB. Fieber oder Hypothermie) und Symptome, die spezifisch für den Ort der Infektion sind (z. B. Husten, Dysurie oder Erythem), sowie Symptome einer akuten Organdysfunktion (z. B. Verwirrheitszustände, Oligurie oder Dyspnoe). Im Gegensatz zu anderen akut lebensbedrohlichen Erkrankungen (wie z. B. dem Herzinfarkt), stehen jedoch derzeit keine diagnostischen bettseitigen Kriterien zur Verfügung, um Patienten mit Sepsis bzw. solche mit hohem Risiko für die Entwicklung einer Sepsis zuverlässig zu identifizieren. Sepsis-Screening-Tools dienen der Früherkennung einer Sepsis und der Identifikation von Patienten mit einem hohen Risiko, an einer Sepsis zu versterben.

Es existieren verschiedene Instrumente, die bezüglich Ihrer Eignung zum Erkennen einer Sepsis oder zur Vorhersage der Prognose untersucht wurden. Beispiele sind: die Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS)-Kriterien, der quick Sequential Organ Failure Assessment (qSOFA) Score, der Modified Early Warning Score (MEWS) oder der National Early Warning Score (NEWS). In Großbritannien wird aktuell schon der überarbeitete NEWS2 eingesetzt, welcher u. a. auch über einen eigenen Abschnitt (SpO2-Skala 2) für die Anwendung bei Patienten mit gesichertem hyperkapnischen Versagen mit entsprechend adaptierten SpO2-Werten verfügt. 

Häufig verwendete Sepsis-Screening-Tools 

SIRSqSOFANEWS 2
Temperaturx x
Atemfrequenzxxx
Herz/Pulsfrequenzx x
Blutdruck xx
SpO2  x
O2-Zufuhr  x
Vigilanz (GCS) xx
Leukozytenx  

Abbildung 2 Tabelle: Häufig verwendetes Sepsis-Screening Tools

Die verfügbaren Screening-Instrumente nutzen unterschiedliche Parameter, um septische Patienten zu identifizieren. Dabei werden entweder JA / NEIN –Entscheidungen getroffen oder Score berechnet. So erfolgt zum Beispiel auf Basis des errechneten NEWS2-Scorewertes (National Early Warning Score) eine Einstufung des Sepsisrisikos (niedrig, mittel, hoch) und es werden Empfehlungen zur weiteren Überwachung (alle 12 Stunden, 4-6-stündlich, stündlich, kontinuierlich) ausgesprochen. In der klinischen Routine ist die Berechnung eines Scores, wenn diese nicht automatisiert erfolgt, mit einem höheren personellen Aufwand verbunden. Zunehmend gibt es jedoch Spot Monitore, die die Berechnung z.B. des NEWS2-Scores implementiert haben und so den Aufwand reduzieren helfen. Die verfügbaren Screening-Tools unterscheiden sich zudem durch eine unterschiedliche Sensitivität und Spezifität. Die Parameter des Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS) sind besonders sensitiv und der qSOFA ist besonders spezifisch bezüglich der Identifikation von Patienten mit Sepsis. Eine Kombination von SIRS und qSOFA erscheint daher sinnvoll und entspricht auch den Empfehlungen der internationalen Sepsisleitlinie, den qSOFA nicht als alleiniges Instrument zu benutzen. Der NEWS2 ist eine solche Kombination, ergänzt um die periphere Sauerstoffsättigung und sollte bevorzugt zum Screening kritisch kranker Patienten benutzt werden.

IQTIG

“Diagnostik – Erhebung der Vitalparameter

Zu den Vitalparametern, die gemäß Leitlinienempfehlungen in der Diagnostik einer Sepsis notwendig, regelhaft und wiederholt zu erheben sind, gehören die Herzfrequenz, der Blutdruck, die Sauerstoffsättigung, der Bewusstseinszustand der Patientinnen und Patienten, die Atemfrequenz sowie die Körpertemperatur. Außerdem sind einzelne auffällige Vitalparameter wie die Körpertemperatur, der Blutdruck oder die Herzfrequenz allein nicht ausreichend für die Diagnosestellung einer Sepsis, sondern sollten im Zusammenhang und in die Gesamtsituation der Patientin oder des Patienten, z. B. zum Zustand nach einer Operation, eingeordnet werden.”

8.1.1      Screening in der Notaufnahme (ZNA)

Ziel: Früherkennung von Sepsis oder septischem Schock bei allen Patienten mit möglicher Infektion. Verkürzung der Zeit bis zur Diagnosestellung und zum Beginn der Therapie

Alle Patienten der ZNA unterliegen einer Risikoeinschätzung nach dem Manchester-Triage-System innerhalb der ersten 10 min nach dem Eintreffen (GBA-Vorgabe). In diesem Kontext erfolgt die Messung der Vitalparameter, die zur Berechnung des NEWS 2 notwendig sind. Zur Messung werden Spot Check-Monitore verwendet, die eine automatische Berechnung des NEWS 2 ermöglichen. Die erhobenen Werte werden automatisch im KIS gespeichert und damit dokumentiert.

8.1.2      Screening auf der Normalstation

Ziel: Frühzeitige Identifikation einer sich entwickelnden Sepsis bei hospitalisierten Patienten mit Infektion oder Verschlechterung des Allgemeinzustands.

Welche Patienten: alle stationären Patienten

Screening Indikationen: 

  • 1x / Schicht 
  • bei akuter Verschlechterung: “Patient gefällt mir nicht”; “Ich habe kein gutes Gefühl bei dem:der Patienten”; “ Irgendwie ist er komisch”
ParameterScore
3210123
        
Atemfrequenz (pro Minute)< 8 9-1112-20 21-24> 25
Spo2 (%) normal< 9192-9394-95> 96   
SpO2 (%) Hyperkapnie#< 8384-8586-8788-92 (unter Luft)93-94 (unter O2)95-96    (unter O2)> 97    (unter O2)
Luft oder O2 O2 Luft   
Systolischer RR (mmHG)< 9091-100101-110111-219  > 220
Puls (pro Minute)< 40 41-5051-9091-110111-130> 131
Vigilanz durch GCS   Wach GCS<15  GC<15
Temperatur (°C)< 35 35,1-36,036,1-38,038,1-39,0> 39,1 

Abbildung 3 NEWS2 Score

# Diese Berechnung soll nicht in der Routine erfolgen, kann aber im Einzelfall berechnet werden. Veränderte SpO2 Korridore bei Chronisch hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz (basierend auf der Anamnese oder einer Blutgasanalyse). Die Entscheidung muss durch eine erfahrene Pflegekraft oder ein:e Ärzt:in erfolgen und dokumentiert werden. Erst dann darf der veränderte Korridor verwendet werden (Zielbereich 88 – 92%).

Auswertung des NEWS 2 Scores:

  • Gesamtpunktzahl 0: 
    • Kein klinisches Risiko
      • (Routine Überwachung mit dem SpotCheck-Monitor und klinische Beobachtung)
  • Gesamtpunktzahl 1- 4:
    • Niedriges klinisches Risiko
      • (4 stündliche Überwachung mit dem SpotCheck-Monitor und klinische Beobachtung, erfahrene Schwester informieren)
  • Gesamtpunktzahl 5-6 oder 3 Punkte in einem Bereich:
    • Mittleres klinisches Risiko, Auslöser für eine dringende klinische Überprüfung 
      • Stündliche Überwachung mit dem SpotCheck-Monitor und klinische Beobachtung, dringliche Beurteilung durch ein medizinisches Team, Arzt/Ärztin der Fachrichtung informieren, ärztlicher Patientenkontakt innerhalb von 30 Minuten. Denke an SEPSIS, Übernahme IMC zu erwägen. Nach Infektion suchen. Blutkulturen, Organversagens Labor, Laktat und Entzündungslabor abnehmen. Antimikrobielle Therapie erwägen.
  • Gesamtpunktzahl 7 oder mehr:
    • Hohes klinisches Risiko, Auslöser für eine Notfallreaktion
      • Kontinuierliche Überwachung der Vitalparameter, sofortige Beurteilung durch ein intensivmedizinisches Team, ärztlicher Patientenkontakt innerhalb von 10 Minuten. Übernahme auf CPU oder Intensivstation innerhalb von 30 Minuten.

8.1.3      Screening auf der ITS

Ziel: Früherkennung von Sepsis bei kritisch Kranken zur raschen Eskalation der Therapie und Kontrolle der Infektionsquelle.

Screening-Indikationen:

  • Tägliches Screening bei allen Patienten mit Infektion oder Organversagen
  • Verschlechterung eines Organsystems ohne klare Ursache

Bewertungstool SOFA Sore:

 01234
pa02/FiO2 [mmHg]≤ 400< 400< 300< 200< 100
Thrombozytenzahl x 103/ul≥ 150< 150< 100< 50< 20
Bilirubin [mg/d (umol/l)]<1,2 (<20)1,2-1,9 (20-32)2,0-5,9              (33-101)6,0-11,9 (102-204)>12,0 (>204)
Mittlere arterielle Druck [mmHg]≥ 70< 70Dopamin mit <5 oder Dobutamin *Dopamin 5,1-15 oder Adrenalin ≤ 0,1 oder Noradrenalin  ≤ 0,1*Dopamin >15 oder Adrenalin > 0,1 oder Noradrenalin > 0,1*
Glasgow Coma Skala1513-1410-126-9< 6
Creatinin [mg/d| (ummol/I)]< 1,2 (<110)1,2-1,9 (110-170)2,0-3,4 (171-299)3,5-4,9 (300-440)> 5 (> 440)
Urinausscheidung [ml/d]   < 500< 200

Abbildung 4 : (nach Vincent JL, et al. Intensive Care Med 1996; 22: 707-710)
*Katecholamindosen mit ug/kgKG/min für mindesten 1h

Zur Unterstützung können Konversionstabelle zur Berechnung des Oxygenierungsindexes bei nicht beatmeten Patienten benutzt werden, wie https://www.uni-regensburg.de/assets/medizin/dacapo-ards/konversionstabelle.pdf

InstrumentAnwendungSchwellenwert
SOFA-ScoreStandard ITSAnstieg ≥ 2 Punkte = Sepsis

Diagnostisches Vorgehen / Automatisierung

Im ICM-Dräger existiert eine extra Sepsisreiter

  • Im Sepsisreiter wird stündlich der SOFA-Score automatisch auf der Basis der aktuell verfügbaren Parameter dargestellt (Zahlenwert der Subscores und die Summe)
  • Für die Beurteilung der zerebralen Funktion wird durch das Pflegepersonal einmal pro Schicht bei jedem Patienten und bei akuter Verschlechterung die GCS (Glasgow Coma Scale) erhoben.
  • Bei einem auffälligen SOFA wir das ärztlich Personal zu folgender Überprüfung aufgefordert:
  • sind die Parameter und der Subscore des SOFA plausibel?
  • wenn ja, ist der auffällige SOFA durch eine aktuelle Infektion bedingt?
  • Wenn ja, wird die Diagnose Sepsis gestellt.
  • Im Reiter Vitalfunktionen wird dazu in der Maßnahme Infektion eine der vorgegebenen Infektionen ausgewählt (die Auswahl für automatisch zur Kodierung).
  • Im gleichen Reiter wird die Maßnahme Sepsis aktiviert (die Auswahl führt automatisch zur Kodierung).
  • Das ärztliche Personal hat unverzüglich diagnostische und therapeutische Maßnahmen bezüglich der gestellten Diagnose Sepsis einzuleiten (s.u.).

8.2    Ablauf der Diagnostik bei Sepsisverdacht

IQTIG

“Diagnostik – Anamnese 

Im Rahmen der Diagnostik gilt es, gemäß Leitlinien unter anderem auf neu aufgetretene Verhaltensveränderungen, mentale Veränderungen, eine akute Verschlechterung der funktionellen Fähigkeiten, eine vorhandene Immunsuppression, Häufigkeit der Urinausscheidung in den letzten 18 Stunden und auf Traumata, vorausgegangene Operationen oder invasive Eingriffe in den letzten 6 Wochen zu achten bzw. diese zu erfragen. Diese Faktoren können ein erhöhtes Risiko für die Schwere der Erkrankung anzeigen. Bei der Diagnostik einer Sepsis ist unter anderem auch das klinische Erscheinungsbild von Relevanz. Dies kann bereits in der Anamnese begutachtet werden und sich in einer Veränderung der Gesichtsfarbe hin zu fahl oder bläulich, Verletzungen der Haut oder auch bläulichen Lippen zeigen.”

8.2.1       Anamnese

Ziel: Identifikation möglicher Infektionsquellen, Vorerkrankungen und Risikofaktoren.
 Wichtige Inhalte: 

  • Aktuelle Symptome: Fieber, Schüttelfrost, Husten, Schmerzen, Dysurie, Wundsekretion
  • Beginn und Verlauf der Beschwerden
  • Frühere oder aktuelle Infektionen
  • Kürzliche Eingriffe, Katheter, Fremdkörper, Implantate
  • Reise-, Impf- und Antibiotikaanamnese
  • Grunderkrankungen (zB. Diabetes, Tumor, COPD, Leber-/Niereninsuffizienz)
  • Medikamente: Steroide, Immunsuppressiva, Chemotherapie

8.2.2      Klinische Untersuchung

Ziel: Erfassung klinischer Hinweise auf Infektion und Organdysfunktion.

Umfang:

  • Vitalparameter: RR, Puls, Temperatur, SpO₂, Atemfrequenz
  • Haut: Exanthem, Petechien, Wunden, Nekrosen
  • Thorax: Atemgeräusche, Rasseln, Atelektasen
  • Abdomen: Druckschmerz, Abwehrspannung, Meteorismus
  • Harntrakt: suprapubische Druckdolenz, Katheter
  • Neurologie: Vigilanz, Desorientiertheit
  • Lokale Inspektion: Katheter, Drainagen, OP-Wunden, Gelenke, Zähne

Zur Abklärung des Fokus der Sepsis oder zur fachspezifischen Behandlung (z.B. Operation) sind die entsprechenden Fachvertreter innerhalb von 30 Minuten hinzuzuziehen. Die erhobenen Befunde und daraus resultierende diagnostische und therapeutische Maßnahmen sind zu dokumentieren.

IQTIG

“Einbezug von Konsilen im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit 

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die nahtlos und ohne Zeitverluste erfolgen sollte, wird unter anderem als notwendig beschrieben, um je nach Infektionsherd oder Patientenkollektiv entsprechende Fachexpertinnen und Fachexperten in die Behandlung einzubeziehen, beispielsweise im Rahmen eines Konsils. Hierbei betonen (bpacNZ/NICE 2018, NGC 2019 [2020], NCC-C 2020) explizit auch die Notwendigkeit der Einbeziehung von klinisch erfahrenen Ärztinnen und Ärzten im Kontext des Erkrankungsbildes.”

8.2.3      Laborchemische Diagnostik

IQTIG

“Diagnostik – Labordiagnostik 

Im Rahmen des Prozesses der Diagnosestellung einer Sepsis empfehlen ausländische Leitlinien konkret zu untersuchende Laborparameter. Diese sind ein großes Blutbild, eine venöse Blutgasanalyse inklusive Glukose und Laktat sowie C-reaktives Protein, Harnstoff, Elektrolyte, Kreatinin und der Gerinnungsstatus.”

Die Bestimmung von Infektionsparametern und aktuellen Parametern der Organfunktion sollte aus Zeitgründen im zeitlichen Zusammenhang mit der Entnahme von Blutkulturen erfolgen. Die Bestimmung eines im Laborstandard festgelegten Sepsis Profils dient der Einschätzung der Schwere der Infektion und im Verlauf zur Beurteilung der erfolgten Herdsanierung. Zudem soll damit das Ausmaß der Organversagen festgestellt und darauf basierend der SOFA-Score berechnet werden können (Voraussetzung für die Diagnosestellung Sepsis und deren Kodierung). Es ist notwendig, eine arterielle oder ersatzweise kapilläre Blutprobe zur Einschätzung der pulmonalen Funktion abzunehmen. Die anderen Parameter können aus arteriellen oder venösen Proben bestimmt werden.

Sepsisprofil im Labor:

ZeitfensterUntersuchungZiel / Bedeutung
Sofort (innerhalb 1 Stunde)LaktatHypoperfusion, 
 Blutbild, CRP, PCTInfektionsparameter
 Arterielle oder kapilläre BlutgaseOxygenierungsindex
 Nieren- & Leberparameter (Kreatinin, Bilirubin)Organfunktion 
 Gerinnung (INR, PTT, Fibrinogen, D-Dimere)DIC-Erkennung

Für die Diagnose des septischen Schocks und zur Verlaufsbeurteilung der Hypoperfusion ist die Bestimmung des Laktatwerten besonders relevant. Die Bestimmung sollte daher bei der Diagnosestellung Sepsis oder bei Sepsis Verdacht immer erfolgen. Zur Beurteilung des Erfolgs der Herdsanierung und der hämodynamischen Stabilisierung sollten Verlaufskontrollen erfolgen (s. Kapitel initiale hämodynamische Stabilisierung).

8.2.4      Bildgebende Diagnostik

IQTIG

“Diagnostik – Fokusidentifizierung 

Im Rahmen der standardisierten Prozessabläufe sollte laut Leitlinien Teil der Diagnostik auch die Fokusidentifizierung sein. Durch die schnelle und gezielte Suche nach einem sanierbaren Fokus soll ggf. eine operative bzw. interventionelle Fokussanierung so zeitnah wie möglich erfolgen. Verstärkte Rötung, Nässen oder Ausfluss an einer Operationsstelle sowie Aufbrechen einer Wunde können unter anderem Anzeichen für eine mögliche Infektion sein. Weiterhin wird in den Leitlinien im Rahmen der Fokusidentifizierung auch auf die intravaskulären Zugänge als möglichen Ausgangspunkt für eine Sepsis oder septischen Schock hingewiesen.” 

Zeit-fenster (in Stunden)MethodeIndikationZiel
1Röntgen-ThoraxFieber, Husten, Dyspnoe, BeatmungNachweis Pneumonie, Erguss
1Sonographie Abdomen/Thorax/
 Weichteile
Abszess, Cholezystitis, Pyelonephritis, freie FlüssigkeitFokussuche
So schnell, wie möglichCTUnklare Sepsisquelle, intraabdominelle oder pulmonale Infekte, Weichteil- und KnocheninfektionenErregerherd lokalisieren, Drainage von Abszessen
1Transthorakale Echokardiographie (TTE)a) Beurteilung Hämodynamik, Ziel: differenzierte hämodyn. therapie. b) mögliches Erkennen einer Endokarditis, persistierende BakteriämieKlappenvegetationen, Hämodynamik
So schnell, wie möglichTransösophageale Echokardiographie (TEE)Endokarditisverdacht, persistierende BakteriämieNachweis, Lokalisation
So schnell, wie möglichMRTBestimmte Herdlokalisationen (z.B. Spondylodiszitis)Nachweis, Lokalisierung
So schnell, wie möglichEndoskopieLokalisierung einer AnastomoseninsuffizienzLokalisierung, Sanierung

8.2.5      Mikrobiologische Diagnostik

IQTIG

“Diagnostik – Abnahme von Probematerialien / Mikrobiologie 

Im Rahmen des Prozesses der Diagnosestellung einer Sepsis empfehlen Leitlinien, dass regelhaft geeignete Materialien für die mikrobiologische Diagnostik (einschließlich Blutkulturen) vor Beginn der antimikrobiellen Therapie entnommen werden, da es sonst aufgrund der Gabe des antimikrobiellen Wirkstoffs zu einer Inaktivierung von Mikroorganismen kommt. De r Prozess sollte so ausgestaltet sein, dass es zu keiner wesentlichen Verzögerung in Bezug auf den Beginn der antimikrobiellen Therapie kommt. Geeignete Materialien für die mikrobiologische Diagnostik sollen aus allen Lokalisationen abgenommen werden, die als potenzieller Fokus infrage kommen, z. B. Blutkulturen, Liquor, Urin, Wund- und Atemwegssekrete und andere Körperflüssigkeiten.”

Angaben zur mikrobiologischen Diagnostik einschließlich der Präanalytik finden sich in den Mikrobiologisch-Infektiologischen Qualitätsstandards (MiQs) der DGHM (Quelle: Podbielski, A., Abele-Horn, M., Becker, K., Herrmann, M., Kniehl, E., Mauch, H., Rüssmann, H. & Expertengremium Mikrobiologisch-infektiologische Qualitätsstandards (MiQ). Mikrobiologisch-infektiologische Qualitätsstandards (MiQ). Qualitätsstandards in der mikrobiologischen-infektiologischen Diagnostik. Urban & Fischer/Elsevier, München, Jena.). Der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik sowie Herstellerangaben (z.B. zum Handling der Blutkulturflaschen) sind zu berücksichtigen.

Abnahme vor Antibiotikatherapie: 

Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollen vor Beginn der Antibiotikatherapie mindestens 2 Blutkultur-Sets entnommen werden, dies gilt auch für Patienten, die bereits eine antimikrobielle Vorbehandlung erhalten haben. Alle erforderlichen Blutkulturen können zeitgleich aus derselben Punktionsstelle entnommen werden. Zudem sollte die Gewinnung von weiterem geeigneten Probenmaterialien von möglichen Infektionsherden (Urin, Atemwegssekret, Wundsekret, Eiter, Liquor und andere Körperflüssigkeiten, Abstrich, Punktat, Biopsie, ggf. Abstrich etc.) erfolgen. Wenn Anamnese und klinische Untersuchung eindeutig auf eine spezifische Lokalisation des Infektionsherdes hindeuten, sind Materialien von diesem Infektionsherd ausreichend. Blutkulturen sollen jedoch immer entnommen werden. 

Die Gewinnung von Materialien zur mikrobiologischen Diagnostik sollte möglichst zu keiner wesentlichen zeitlichen Verzögerung des Beginns der antiinfektiven Therapie führen.

8.2.5.1           Blutkulturdiagnostik (s. auch gesonderte SOP Präanalytik Blutkulturen)

8.2.5.1.1          Indikation zur Blutkulturentnahme:

Die Abnahme von Blutkulturen sollte nicht ohne Indikation erfolgen. Bei der richtigen Indikation ist mit einer höheren Positivitätsrate zu rechnen (s. Tabelle 2)

Tabelle: Wahrscheinlichkeit für das Auftretens einer Bakteriämie nach Art der Infektion und Schweregrad der Erkrankung (adaptiert nach DOI: 10.1093/cid/ciaa039

Wahrscheinlichkeit für eine BakteriämieInfektion / Krankheitsbild / klinisches Setting
sehr gering (< 5%)Fieber als einziges Symptom, Fieber innerhalb von 48h postoperativ
gering (5 – < 10%)unkomplizierte Phlegmone, unkomplizierter Harnwegsinfekt, ambulant erworbene Pneumonie, stationär erworbene Pneumonie (ausgenommen der Ventilator assoziierten Pneumonie)
gering – moderat (10 – 20%)Phlegmone bei schwerer Grunderkrankung, Ventilator assoziierte Pneumonie
moderat (20 – < 50%)Sepsis, Pyelonephritis, Cholangitis, schwere ambulant erworbene Pneumonie, VP-Shuntinfektion, Schüttelfrost bei Patienten mit Fieber, 
hoch (> 50%)septischer Schock, Katheterassoziierte Infektion,  Meningitis, Diszitis, epiduraler Abszess, akute Gelenkinfektion, Ventrikuloatriale-Shunt-Infektion

Indikation zur Blutkulturentnahme:

  • Nachgewiesene Sepsis oder Sepsisverdacht 
  • Klinischer oder laborchemischer Verdacht auf eine systemische Beteiligung bei lokaler Infektion (z.B. Schüttelfrost, nicht erklärbare Procalcitonin-Erhöhung)
  • Neutropenes Fieber und Fieber unklarer Genese
  • Verdacht auf Endokarditis
  • Verdacht auf Infektionskrankheiten mit zyklischem Fieber (z.B. Brucellose, Typhus)
  • Verdacht auf endovaskuläre und Gefäßkatheterdevice-assoziierte Infektion 
  • Ungeklärte Leukozytose
8.2.5.1.2          Zeitpunkt der Entnahme

Die Entnahme von Blutkulturen soll vor Beginn der antiinfektiven Therapie erfolgen, unmittelbar bei Auftreten klinischer Symptomatik (nicht auf Fieberanstieg warten). Wenn eine Sepsis unter bereits laufender antimikrobieller Therapie diagnostiziert wird, ist von einer unwirksamen Therapie auszugehen. In diesem Fall sollte auch unter laufender Therapie Blutkulturen entnommen werden (wenn zeitlich sinnvoll, Entnahme unmittelbar vor der nächsten Antibiotika-Gabe). Die Entnahme darf generell zu keiner wesentlichen Verzögerung des Beginns der antimikrobiellen Therapie führen. In mehrere Studien wurden für Sepsispatienten deutlich höhere Positivitätsraten gefunden, wenn die Blutkulturen vor Beginn der antiinfektiven Therapie abgenommen wurden (Tabelle 3). 

StudieStudiendesignPatienten-zahlPositivitätsrate vor AntibiotikagabePositivitätsrate nach Antibiotikagabe
Cheng et al. 2019multizentrisch (Notaufnahme)65031,419,4
Scher et al. 2019monozentrisch (Intensivstation)55950,627,7
Rand et al. 2019monozentrisch (Notaufnahme)673124,39,1
Cascone et al. 2019monozentrisch (Notaufnahme)16380,446,7

Abbildung 6: Positivitätsrate von Blutkulturen vor und nach Beginn der antiinfektiven Therapie

Merke: Die Entnahme von Blutkulturen vor Beginn der antiinfektiven Therapie ist bei Patienten mit Sepsis mit einer doppelt so hohen Positivitätsrate der Blutkulturen assoziiert.

8.2.5.1.3          Zu entnehmende Menge

Grundsätzlich werden immer sog. Blutkultursets (BK-Sets) abgenommen, bestehend aus einer Flasche für die aerobe und einer Flasche für anaerobe Diagnostik. Es sollten mindestens zwei BK-Sets befüllt werden, die Abnahme eines „Sixbag“ (vorgepackte 3er-Sets) ist zu bevorzugen (Bestellung der „Sixbag“ unter sepsisakademie@med.uni-greifswald.de möglich).

Um eine exakte Füllhöhe zu erreichen (8-10 ml), sollte vor der Abnahme mit einem Markierstift optimalerweise die zu erreichende Höhe markiert werden. Cave: Zu geringe Befüllung (reduzierte Sensitivität), Überfüllung (falsch positive Signale).

8.2.5.1.4          Wie erfolgt die Entnahme der Blutkulturen?

Entnahme von BK durch Punktion einer peripheren Vene

  • Hygienische Händedesinfektion, Einmalhandschuhe anlegen (Eigenschutz)
  • Blutkulturflaschen vorbereiten
  • Kunststoff-Schutzkappe der Flaschen entfernen
  • Gummimembran mit Hautantiseptikum einsprühen, trocknen lassen (Poly-Alkohol-
  • Hautantiseptik, NICHT Octeniderm! (wegen der Remanenzwirkung von Octinidin kann es theoretisch zur Wachstumsbehinderung in der Blutkulturflasche kommen, wenn die Substanz bei der Punktion oder der Desinfektion des Stopfens die in die Flasche gelangt).
  • Hautantisepsis durchführen
  • Hautantiseptikum großflächig aufsprühen,
  • Punktion erst ausführen, wenn die Haut wieder vollständig getrocknet ist.
  • Wenn ein Palpieren der Punktionsstelle nach der Antiseptik unvermeidbar ist: Nur nochmit sterilen Handschuhen berühren
  • Venenpunktion und Blutentnahme durchführen hierbei ist nur eine Venenpunktion zur Befüllung aller BK-Flaschen ausreichend, es muss nicht mehrfach punktiert werden (8, 9)
  • Nach Entfernen der Punktionskanüle Einstichstelle mit Tupfer/ Pflaster abdecken
  • Nach Befüllen der BK-Flaschen diese durch leichtes Schwenken vermischen

Beim Befüllen der BK-Flaschen mit einer Spritze wird zuerst die anaerobe Flasche beimpft, da die Nadel vor dem Beimpfen entlüftet werden kann. Oberhalb der Blutsäule in der Spritze ist meist eine kleine Luftblase, diese sollte nur in die aerobe Flasche gelangen.

Bei Neuanlage von Gefäßkathetern

  • Unmittelbar bei der Neuanlage von peripheren Venenverweilkanülen und arteriellen Zugängen können Blutkulturen entnommen werden, wenn mit besonderer hygienischer Sorgfalt vorgegangen wird.
  • Blutkulturen, die bei der ZVK-Anlage entnommen werden, sind häufiger kontaminiert als peripher abgenommene. 
  • Bei der sterilen Neuanlage eines ZVK können Blutkulturen gewonnen werden, wenn nicht aus dem distalen Schenkel abgenommen wird, über den bei Anlage des ZVK der Führungsdraht lief.

Entnahme von BK aus liegenden Gefäßkathetern (ZVK, arterielle Katheter)

  • Aus einem liegenden ZVK sollten nur bei Verdacht auf eine Katheter-assoziierte Infektion Blutkulturen entnommen werden, da die Wahrscheinlichkeit von Kontaminationen deutlich erhöht ist.
  • Liegt der Verdacht auf eine Katheter-assoziierte Bakteriämie vor, sollten – wenn der Katheter nicht gezogen werden kann – zeitgleich ein bis zwei BK-Sets über den Katheter sowie zwei BK-Sets durch eine periphere Venenpunktion gewonnen werden. So wird die Berechnung der „Differential Time to Positivity“ (DTP) ermöglicht: Wenn aus dem Katheter entnommene BK mindestens zwei Stunden vor den peripher entnommenen BK positiv werden, kann dies ein Hinweis auf eine Infektion des Katheters sein. Bei mehrlumigen ZVK sollten aus mindestens zwei Lumina BK-Sets entnommen werden, wenn möglich.
  • Ob Blutkulturen aus liegenden arteriellen Kathetern mit erhöhten Kontaminationsraten verbunden sind, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Wenn man sich dazu entscheidet, die Blutkulturen nur aus einem arteriellen Zugang zu entnehmen, sollte man positive Blutkulturen mit typischen Kontaminationskeimen sehr kritisch hinterfragen.
8.2.5.1.5          Vorteil der Entnahme aus nur einer peripher venösen Punktionsstelle
  • Niedrigere Kontaminationsrate
  • Geringerer Arbeitsaufwand
  • Zeitersparnis bis zur Gabe des Antibiotikums
  • Schnellerer Beginn der antiinfektiven Therapie
  • Weniger belastend für den Patienten (z.B. Schmerzen)
  • Insgesamt größere Abnahmevolumen
  • Gleiche oder bessere Sensitivität und Spezifität als bei der Mehrfachpunktion

Merke: Die zeitgleiche Entnahme aller Blutkulturen aus einer peripher venösen Punktionsstelle ist zeitsparend, für den Patienten weniger belastend und nicht mit einer geringeren diagnostischen Qualität assoziiert.  

8.2.5.1.6          Anforderung der Untersuchung
  • Anforderung über das digitale Anforderungssystem, dort exakte Dokumentation von: Verdachtsdiagnose, aktueller antiinfektiver Therapie und Entnahmeort
  • Entnahmezeit (Datum und Uhrzeit) ist ein Dokumentations-Pflichtfeld
  • Barcode der Flaschenetiketten nicht mit dem Patientenetikett überkleben
8.2.5.1.7          Versand ins Labor und Initiierung der Blutkulturdiagnostik
  • Es sollte ein sofortiger, schnellstmöglicher Transport (wenn verfügbar mit der Rohrpost) erfolgen.
  • Zwischenlagerungen (z. B auf der Station) sind kurz zu halten oder zu vermeiden; Zwischenlagerung und Transport von beimpften Blutkulturflaschen erfolgen bei Raumtemperatur (Auskühlung ist zu vermeiden).
  • Die Bebrütung der Blutkulturen ist ohne Zeitverzögerung 24/7 zu starten

8.2.5.2          Gewinnung anderer Materialien vom Infektionsherd

Die zusätzliche Entnahme weiterer Untersuchungsmaterialien vom vermuteten Fokus der Infektion steigert die Wahrscheinlichkeit, den ursächlichen Erreger zu finden. Die Entnahme dieser Proben soll auch vor Beginn der antiinfektiven Therapie erfolgen, sofern dies ohne wesentliche zeitliche Verzögerung der antiinfektiven Therapie und der Stabilisierung des Patienten möglich ist. Geeignetes Probenmaterial umfasst je nach vermuteter Fokuslokalisation Urin, Atemwegsmaterialien, Gewebe, Wundsekret, Eiter, Liquor und andere Körperflüssigkeiten. Die Art des Materials und der Transportbehältnisse sowie der Transport sowie die Übermittlung von Zwischenergebnissen (z.B. von Grampräparaten, Ergebnissen von paralleler Schnellmethodik) und Befunden soll in enger Absprache mit dem Mikrobiologen erfolgen (z.B. Grampräparate). Generell gilt, dass ausreichende Probenmengen und ein möglichst kurzer Transport die Wahrscheinlichkeit der Erregeridentifikation verbessert. So sind Körperflüssigkeiten und Gewebeproben fast immer erfolgversprechender als Abstriche. Wenn die Anamnese oder klinische Untersuchung eindeutig auf einen Infektionsherd hindeuten, sind Materialien von anderen Lokalisationen (mit Ausnahme der Blutkulturen) in der Regel nicht notwendig. Das gilt insbesondere für Proben mit einer hohen Kontaminationsgefahr. Während der interventionellen (z.B. Punktion und Drainage von Abszessen) oder operativen Herdsanierung sollten immer suffiziente Untersuchungsmaterialien (Punktate, Gewebeproben) zur mikrobiologischen Diagnostik gewonnen werden.

9      Initiale hämodynamische Stabilisierung

IQTIG

“Therapie – Initiale hämodynamische Stabilisierung (Volumentherapie)

Im Rahmen des Prozesses der Therapie wird in Leitlinien eine möglichst frühzeitige Einleitung der Volumentherapie zur Stabilisierung der Patientinnen und Patienten mit bestimmten Indikationen empfohlen. bpacNZ/NICE (2018) und NGC (2019 [2020]) empfehlen stationär bei einem Verdacht auf eine Sepsis und dem Vorliegen von Risikofaktoren die Gabe von Volumen innerhalb einer Stunde. Rhodes et al. (2017) und Brunkhorst et al. (2018) nennen hingegen ein Zeitfenster von maximal drei Stunden, in dem die Einleitung der Volumentherapie erfolgen sollte.”

Die hämodynamische Stabilisierung sollte unmittelbar nach Diagnosestellung erfolgen. Das ist insbesondere beim Vorliegen einer Sepsis-induzierten Gewebehypoperfusion oder eines septischen Schocks entscheidend. Die Hypoperfusion kann sich durch eine akute Organdysfunktion und/oder eine Verringerung des Blutdrucks sowie eine Erhöhung des Serumlaktats manifestieren. Zudem weisen klinische Zeichen wie die Marmorierung der Haut, ein fadenförmiger Puls, kalte Extremitäten, Nachlassen Diurese oder Anurie sowie eine verlängerte verlängerte Rekapillarisierungszeit (> 3 s) auf eine septisch bedingte Hypoperfusion hin.

Bei Patienten mit Sepsis-induzierter Hypoperfusion oder septischem Schock sollten innerhalb der ersten 3 Stunden ca. 30 mL/kg intravenöse kristalloide Lösung verabreicht werden. Danach sollten Risiken und Nutzen einer weiteren Flüssigkeitssubstitution gegeneinander abgewogen werden. 

Merke: Zur initialen hämodynamischen Stabilisierung sollten innerhalb der ersten 3 Stunden ca. 30 ml/kg intravenöse kristalloide Lösung verabreicht werden.

Um beim septischen Schock einen mittleren arteriellen Druck (MAP) von 65 mmHg zu erreichen, sind neben Volumengabe parallel Vasopressoren einzusetzen. Höhere Mitteldrücke scheinen nicht zielführend zu sein. Initial sollte die kontinuierliche Gabe von Noradrenalin als Vasopressor bevorzugt werden. Bis zur Etablierung eines zentralvenösen Zuganges kann Noradrenalin auch über eine periphervenösen Zugang gegeben werden. Das ermöglicht die unverzügliche Gabe des Vasopressors mit dem Ziel der zügigen hämodynamischen Stabilisierung.

Noradrenalin sollte kontinuierlich über einen Perfusor (1 mg/ 50 ml Trägerlösung) appliziert und die Laufrate nach dem MAP gesteuert werden. Nach Anlage des ZVK sollte auf die weitere periphervenöse Gabe des Vasopressors verzichtet werden und dieser weiter über einen Perfusor kontinuierlich appliziert werden (5 mg oder 10 mg oder 25 mg / 50 ml Trägerlösung).

Merke: Zur initialen hämodynamischen Stabilisierung kann Noradrenalin auch periphervenös verabreicht werden.

Nach der initialen Volumengabe sollte diese nur weiter fortgeführt werden, wenn der Patient weiterhin Zeichen einer Gewebeminderperfusion (erhöhtes Laktat, verlängerte Rekapillarisierungszeit) zeigt. Bei einer vorbestehenden Leberschädigung ist von einer reduzierten Laktat Clearance auszugehen und daher besonders darauf geachtet, die Patienten nicht zu überwässern. Die Rekapillarisierungszeit kann hier zur Differentialdiagnose hilfreich sein. 

Eine wiederholte gründliche klinische Untersuchung sollte die Bewertung physiologischer Variablen wie Herzfrequenz, Blutdruck, arterielle und zentralvenöse Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Pulskonturanalyse, Urinausscheidung, Rekapillarisierungszeit beinhalten. Um den intravasalen Flüssigkeitsstatus genauer zu beurteilen, sind dynamische Variablen den statischen Parametern vorzuziehen. Zu den Dynamischen Variablen zählen Schlagvolumenvariation (SVV) oder die Pulsdruckkurvenvariation (PPV), Messungen des Herzzeitvolumens und die Reaktion dieser Parameter auf Flüssigkeitsbolusgaben oder den passiven Beinhebeversuch (passive leg raise test), also die Volumenreagibilität des Patienten. Die transthorakale Echokardiographie (TTE) und transösophageale Echokardiographie (TEE), der Durchmesser und die Atemvariabilität der V. cava inferior, sowie der VexUS Score (https://www.pocus101.com/vexus-ultrasound-score-fluid-overload-and-venous-congestion-assessment/), sind ebenfalls geeignet den Volumenstatus des septischen Patienten zu beurteilen. Entscheidend ist, die makrohämodynamischen Messungen mit dem klinischen Zustand des Patienten und der Beurteilung der Mikrozirkulation immer wieder neu zu anzugleichen, um einerseits eine Überwässerung des Patienten zu vermeiden und andererseits einen weiter bestehenden relevanten Volumenbedarf zu erkennen.

Merke: Die Volumenreagibilität des septischen Patienten darf nicht reflexartig zu einer weiteren Flüssigkeitssubstitution führen. Entscheidend ist der Zustand der Mikrozirkulation.

Ergänzende Materialien: SOP zum Passive Leg Raise Test und zur Messung der Rekapillarisierungszeit.

10  Weiterführende Kreislauftherapie

10.1 Flüssigkeitstherapie

  • Als Mittel der ersten Wahl sollten balancierte Kristalloide als Flüssigkeitstherapie bei Sepsis verwendet werden (z.B. E153). 
  • Wenn größere Mengen Kristalloide benötigt werden, um die Hämodynamik zu stabilisieren und wenn insbesondere Störungen der Mikrozirkulation persistieren (Laktat) kann Albumin zur Flüssigkeitssubstitution verwendet werden. Es können 5%ige Lösungen oder 20%ige Lösungen in Kombination mit Kristalloiden verabreicht werden. 
  • Bei eingeschränkter Gerinnung und erhöhter Blutungsbereitschaft kann auch das Volumenpotential von Gerinnungsaktiven Plasmen (FFP) zur Kreislaufstabilisierung genutzt werden.
  • Auf die Gabe von Hydroxyethylstärke und /oder Gelatine sollte verzichtet werden
  • Die unter dem Punkt “Initiale hämodynamische Stabilisierung” genannten Kriterien für die Beurteilung des Volumenstatus gelten auch in der Phase der weiterführenden Kreislauftherapie.
  • Eine Überladung mit Volumen sollte möglichst vermieden werden.
  • Wenn eine hämodynamische Stabilisierung erreicht wurde, sollte möglichst zügig eine Negativbilanzierung angestrebt werden, um die interstitiellen Ödeme zu reduzieren.

10.2  Vasoaktive Substanzen und Inotropika

  • Als Vasopressor der ersten Wahl sollte Noradrenalin verwendet werden.
  • Wenn mit Noradrenalin keine ausreichende Stabilisierung des Blutdruckes zu erreichen ist (Zieldruck des MAP 65 mmHg), sollte zusätzlich kontinuierlich Vasopressin gegeben werden.
  • Orientierende Dosis, bei der zusätzlich Vasopressin gegeben werden sollte, ist 0.25−0.5 μg/kg/min Noradrenalin.
  • Die Verwendung von Methylenblau bei Vasopressor refraktärem septischem Schock sollte, wenn überhaupt, nur als individueller Heilversuch erfolgen.
  • Terlipressin sollte nicht als Vasopressor im septischen Schock verwendet werden.
  • Bei Hinweisen für eine kardiale Dysfunktion (Echokardiographie, Messungen des Herzzeitvolumens) mit persistierender Hypoperfusion trotz angemessenem Flüssigkeitsstatus kann zusätzlich Dobutamin appliziert werden.
  • Levosimendan sollte bei Patienten mit septischem Schock nicht eingesetzt werden.
  • Auf den routinemäßigen Einsatz von β-Blockern zur Herzfrequenzkontrolle im Rahmen der hämodynamischen Stabilisierung sollte verzichtet werden.

11 Antimikrobielle Therapie

IQTIG

“Therapie – Beginn der antiinfektiven Therapie 

Zu Beginn der Therapie empfiehlt es sich, nach der Diagnosestellung der Sepsis mit einer intravenösen antiinfektiven Therapie zu beginnen. Dies sollte idealerweise innerhalb einer Stunde geschehen. “

11.1 Beginn der Antimikrobiellen Therapie

Bei nachgewiesener Sepsis oder septischem Schock muss die kalkulierte antimikrobielle Therapie spätestens innerhalb einer Stunde nach Diagnosestellung begonnen werden.

Besteht lediglich der Verdacht auf eine Sepsis ohne Schocksymptomatik, soll weitere Diagnostik erfolgen, um die Verdachtsdiagnose zu erhärten oder zu verwerfen.

Wenn der Verdacht auf eine zugrundeliegende Infektion weiterbesteht, sollte die Verabreichung der antiinfektiven Therapie spätestens innerhalb von drei Stunden erfolgen.

Die initiale antiinfektive Therapie sollte mit einem Antibiotikum oder mehreren Antibiotika durchgeführt werden, wobei wesentliche Bakterien zu erfassen sind.

Für diese kalkulierte Primärtherapie hat sich die sogenannte Tarragona-Strategie bewährt, welche primär zur Behandlung der Pneumonie entwickelt wurde.

Tarragona-Strategie

1. Schauen Sie sich Ihren Patienten an

Basis dafür sind die klassischen Anamnese und die klinische Untersuchung des Patienten. Folgende Frage sind immer zu beantworten:

  • Ambulant oder nosokomial erworbene Infektion?
  • Lokalisation der Infektion (Atemwegsinfektionen, Infektionen des Abdomens und des Urogenitaltraktes machen zusammen ca.80 % der Ursachen für eine Sepsis aus)?
  • Wo kommt der Patient her (Pflegeeinrichtung, anderes Krankenhaus)?
  • Vorerkrankungen: Immunsuppression, Dialyse, chronische vorbehandelte Wunden?
  • Welche Vorbehandlungen mit Antibiotika sind bereits erfolgt?
  • Multiresistente Erreger in der Anamnese?
  • Reiseanamnese (Risikogebiete für multiresistente Erreger)?
  • Operation innerhalb der letzten 30 Tage?
  • Hat der Patient Implantate (Port, Schrittmacher, Herzklappe, Gelenkprothesen …)?

2.Schauen Sie sich Ihr Krankenhaus an

  • Wie ist die lokale/regionale Erreger- und Resistenzlage in Ihrer Region?
  • Gibt es eine lokale/regionale Ausbruchssituation?

3.Stark und frühzeitig

  • Beginn zum frühestmöglichen Zeitpunkt
  • Applikation einer ausreichenden Dosis (insbesondere der ersten Dosis)
  • Eventuell Kombinationstherapie

4.Kommen wir zur Sache

  • Vermeidung von Unterdosierungen
  • Wirksamkeit des Antibiotikums im Infektionsherd beachten (Pharmakokinetik)
  • Beachtung von Dosierungsintervallen

11.2 Auswahl der geeigneten Substanzen

Unter Beachtung der Tarragona Strategie werden in der deutschen Sepsis Leitlinie 2025 folgende Empfehlungen geben:

1: nur bei Risikofaktoren für MRGN addieren
 2: nur bei Risikofaktoren für MRSA addieren 
 3: bei Risikofaktoren für VRE addieren 
 4: wenn Gramnegative Erreger erfasst werden sollen 
 5: Kombinationstherapie insbesondere bei nekrotisierender Fasziitis 
 6: Zur Hemmung der Proteinbiosynthese sollte Linezolid statt Clindamycin bei MRSA-Risiko oder hoher lokaler Clindamycin-Resistenzrate bei A-Streptokokken verwendet werden. 
 7: Alternativ kann Vancomycin (mit Spiegelbestimmung) verwendet werden. 
 8: Alternativ kann Eravacyclin + Ceftazidim verwendet werden. 
 9: In Abhängigkeit von der lokalen epidemiologischen Situation kann Fosfomycin eine Alternative sein. 
 10: Bei Risikofaktoren für 3MRGN Meropenem bevorzugen *PipTaz: Piperacillin-Tazobactam 
 Quelle: adaptiert aus der S2k Leitlinie „Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen“ AWMF Registernummer 082- 006

Abbildung 9 Tabelle aus der S3 Sepsis Leitlinie 2025

Die zusätzliche Gabe einer antimykotischen Therapie richtet sich nach dem Risikoprofil der Patienten: Patienten mit Sepsis oder septischem Schock mit einem niedrigen Risiko für eine Pilzinfektion sollten KEINE antimykotische Therapie durchgeführt werden. Bei Patienten mit einem hohen Risiko für eine Pilzinfektion ist zusätzlich eine kalkulierte antimykotische Therapie durchzuführen. 


Risikofaktoren, die eine Pilzinfektion begünstigen (Deutsch Sepsisleitlinie 2025)

Risikofaktoren für Candida-SepsisRisikofaktor für invasive Schimmelpilzinfektionen
• Candida-Besiedlung an mehreren   Stellen • Surrogatmarker wie der Serum-Beta-   D-Glucan-Assay • Neutropenie • Immunsuppression • Schwere der Erkrankung (hoher   APACHE-Score) • Längere Verweildauer auf der ITS                             • Zentrale Venenkatheter und andere   intravaskuläre devices • Drogenabusus (Injektion) • Vollständige parenterale Ernährung • Breitbandantibiotika • Perforationen des Gastrointestinaltrakts   und Anastomosenlecks • Gastrointestinale oder hepatobiliäre   Notoperationen • Akutes Nierenversagen und   Hämodialys • Schwere thermische Verletzungen • Vorausgegangene Operationen• Neutropenie • Surrogatmarker wie Serum oder BAL
   Galactomannan Assay • Hämatopoetische   Stammzelltransplant. • Organtransplantation • Hochdosierte Kortikosteroidtherapie • Immun-Modifier • Influenza • COVID-19 • Moderate bis schwere HIV Infektion   mit CD4-Zellen < 200/μl174 • Solide Tumoren  

Der Beginn einer empirischen Therapie hängt von der Anzahl der Risikofaktoren und der lokalen Epidemiologie ab. Die Gewichtung der Faktoren in Bezug auf das Sepsis-Risiko ist unklar. Quelle: modifiziert nach Evans et al. (2021).

Achtung, einige Hefen-Spezies (auch bisherige Candida-Arten) wurden umbenannt bzw. anderen Gattungen zugeordnet.

11.3 Applikation und Dauer und Deeskalation der antimikrobiellen Therapie

Beta-Laktam-Antibiotika sollten als prolongierte oder kontinuierliche Infusion (nach initialem Bolus) verabreicht werden. Durch ein therapeutisches Drug Monitoring kann bei bekanntem Erreger die Dosierung oberhalb der minimalen Hemmkonzentration (MHK) des Erregers optimiert (Dosisanpassung) werden(hausinterne Tabelle der Dosierung, Haltbarkeit und Zielspiegel). Alternativ können Tools zur Dosisoptimierung angewendet werden: https://www.thecaddy.de/ 

Grundsätzlich und auch nachdem ein plausibler Erregernachweis geführt werden konnte, und die Empfindlichkeit  gegenüber den Antiinfektiva bestimmt worden ist, sollte die laufende antiinfektive Therapie täglich evaluiert werden. Dabei geht es um die Fokussierung bzw. Beendigung der antimikrobiellen Therapie, um mögliche Kollateralschäden durch die Behandlung zu minimieren.

Potentielle Vorteile einer Deeskalation der antiinfektiven Therapie:

  • Reduktion der Nebenwirkungen auf das Mikrobiom
  • Vermeidung von Resistenzentwicklung
  • Vermeidung bzw. Reduktion von Nebenwirkungen
  • Verbesserung der Wirksamkeit (z.B. Penicillin G anstatt Breitspektrum-Betalaktam bei Pneumokokken oder Cefazolin anstatt Vancomycin bei MSSA) durch günstigere pharmakokinetische und -dynamische Eigenschaften)

Die Antibiotikatherapie sollte auch bei der Sepsis und septischem Schock in der Regel maximal 7 bis 10 Tage durchgeführt werden. Bei nicht erfolgreicher Fokussierung, bei bestimmten Erregern sowie speziellen Organinfektionen ist eine längere Therapiedauer notwendig (z.B.  S. aureus-Bakteriämie, intrazelluläre Erreger und Hefepilze, Endokarditis, Osteomyelitis).

Hilfreiche Kriterien für die Beendigung oder Deeskalation der antimikrobiellen Therapie sind:

  • Kinetik des Serum-Procalcitonin (PCT <0.5 μg/L oder eine Reduktion > 80% des Maximalwertes)
  • Erfolgreiche Fokussanierung (operativ, Entferung von Fremdkörpern)
  • Bekannter plausibler Erregernachweis
  • Klinische Besserung (Vitalparameter, Notwendigkeit von Vasopressoren, Vigilanz, Allgemeinzustand)

Um den Erfolg der Fokussanierung und antiinfektiven Therapie zu evaluieren sollte das Serum-Procalcitonin am Tag der Sepsis Diagnose, am Tag 3 und 7 nach Beginn der antiinfektiven Therapie sowie bei klinischer Verschlechterung kontrolliert werden.

12  Beatmung

Die Beatmung von Patienten mit Sepsis unterscheidet sich nicht von den allgemeinen Empfehlungen zur Beatmung, beim ARDS oder der Lagerungstherapie bei respiratorischem Versagen. 

  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und ARDS sollte mit einem Tidalvolumen um 6 ml/kg IBW (4-8 ml/kg IBW) beatmet werden.
  • Patienten mit Sepsis oder septischem Schock ohne ARDS sollten mit einem mit VT von 6-8 ml/kg IBW beatmet werden.
  • Bei der invasiven Beatmung von Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und akuter respiratorischer Insuffizienz sollte der Plateaudruck (Pplat) ≤ 30 cmH2O gehalten werden.
  • Bei der invasiven Beatmung von Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und ARDS sollte eine inspiratorische Druckdifferenz von ≤ 14 cmH2O angestrebt werden.
  • Der PEEP sollte an die FiO2 adaptiert werden. Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und mildem ARDS sollte eine orientierende Einstellung des PEEP mit Hilfe der FiO2/niedrig-PEEP Tabelle des ARDS-Netzwerks erfolgen. 
FiO20,30,40,40,50,50,60,70,70,70,80,90,90,91,0
PEEP558810101012141414161818-24

Abbildung 10 ARDS Netzwerk Tabelle „lower PEEP/higher FiO2“ Quelle: DGAI et al. 2025

Der Nutzen einer Beatmung mit niedrigerem PEEP scheint in dieser Patientengruppe mit mildem ARDS (P/F Ratio 201-300) gegenüber dem möglichen Schaden zu überwiegen.

  • Für Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und moderatem (Horovitz-Quotient 101-200 mmHg) oder schwerem ARDS ( Horovitz-Quotient ≤ 100 mmHg) sollte ein höherer PEEP angewendet werden.
  • Bei invasiv beatmeten Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte eine SaO2 bzw. SpO2 von 92 %-96 % bzw. eine paO2 zwischen 70-90 mmHg (9,3-12 kPa) angestrebt werden.
  • Prolongierte (> 60 s) Rekrutierungsmanöver sollten nicht erfolgen.
  • Es sollte frühzeitig (innerhalb der ersten 48 Stunden nach Intubation) eine unterstützende Beatmung zur Ermöglichung von Spontanatmung unabhängig von Ursache und Art der zugrundeliegenden respiratorischen Insuffizienz begonnen werden.
  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und milder bis moderater akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz (PaO2/FiO2 100-300) sollet, wenn keine Kontraindikationen bestehen primär eine nichtinvasive Atmungsunterstützung (NIV, CPAP oder HFNO) angewendet werden.
  • Bei Patienten, die länger als 24 Stunden invasiv beatmet wurden, sollte ein Protokoll zur Entwöhnung von der invasiven Beatmung eingesetzt werden.
  • Bei invasiv beatmeten Patienten mit Sepsis oder septischem Schock und ARDS sowie Einschränkung der arteriellen Oxygenierung (PaO2/FiO2 < 150 mmHg) sollte eine Bauchlagerung durchgeführt werden.
  • Eine Bauchlagerung sollte mindestens 12 Stunden, vorzugsweise 16 Stunden durchgeführt werden und frühzeitig nach Indikationsstellung umgesetzt werden.

Weitere Hinweise: S3-Leitlinie „Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz“  (AWMF-Reg.-Nr.: 001-021), sowie der S3-Leitlinie „Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen” (AWMF-Reg.-Nr.: 001-015, Stand 25.07.2023).

13  Nierenersatztherapie

  • Wenn bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock aufgrund der klinischen Situation, des Krankheitsverlaufes und/oder der Vorerkrankungen eine Nierenersatztherapie bei AKI zu erwarten ist, sollte diese sofort begonnen werden.
  • Bei nicht-lebensbedrohlichen Veränderungen und Unklarheit, ob eine Nierenersatztherapie zu erwarten ist, sollten zunächst konservative Maßnahmen zur Vermeidung eines Nierenersatzverfahrens unter regelmäßiger Reevaluation durchgeführt werden.
  • Kontinuierliche oder intermittierende Verfahren können prinzipiell gleichwertig eingesetzt werden. 
  • Bei höheren Dosierungen an Vasopressoren und insgesamt instabilen Patienten ist ein kontinuierliches Verfahren zu bevorzugen.
  • Eine regionale Citrat-Antikoagulation ist, wenn keine Kontraindikationen bestehen, der systemische Heparin-Antikoagulation des extrakorporalen Blutkreislaufs insbesondere bei operativen Patienten zu bevorzugen.
  • Für das kontinuierliche Nierenersatzverfahren sollte eine mittlere Dosis von 20-25 ml/kg/h (Filtrat/Dialysat Menge plus Ultrafiltratmenge) über die geplante Behandlungsdauer verabreicht werden.

Weitere Hinweise: S3-Leitlinie „Nierenersatztherapie in der Intensiv- und Notfallmedizin“ (AWMF-Reg.-Nr.: 040-017).

14  Ernährungstherapie

Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte erst nach hämodynamischer Stabilisierung, eine frühe enterale oder parenterale Ernährung unter Monitoring der gastrointestinalen und metabolischen Toleranz durchgeführt werden.

15  Weitere Maßnahmen

15.1 Kortikosteroide

  • Bei anhaltendem Vasopressorbedarf (Noradrenalin ≥ 0,25 µg∙kg-1min-1 über mindestens vier Stunden) sollten unverzüglich Hydrokortison 200 mg/d i.v. und Fludrokortison 1 × 50 µg/d enteral appliziert werden. 
  • Hydrokortison 200 mg i. v. pro Tag kann kontinuierlich über ein Perfusor oder alle 6 Stunden als Bolus appliziert werden.
  • Die Behandlungsdauer sollte 5-10 Tage nicht überschreiten.
  • Bei nachlassendem Vasopressorbedarf (Noradrenalin < 0,25 µg∙kg-1min-1) sollte die Hydrocortison für 1-2 Tage halbiert und dann angesetzt werden.
  • Die Gabe von Fludrokortison sollte gleichzeitig mit dem Hydrocortison beendet werden.

15.2 Blut und Blutprodukte

  • Erythrozyten, Plasmapräparate und Thrombozyten sollten nicht als Volumenersatz verwendet werden.
  • Die Gabe von Blut und Blutprodukten sollte auch bei Sepsis und septischem Schock den üblichen Transfusionstriggern unterliegen.
  • Die Kriterien des Patient Blood Managements gelten auch für septische Patienten.
  • Der Transfusionstrigger für Erythrozytenkonzentrate liegt bei einem Hb-Wert von < 4,34 mmol/L (< 7.0 g/dl) und wie sonst auch bei Hinweisen auf eine anämische Hypoxie (Tachykardie, Hypotension, EKG-Ischämie. Laktatazidose) entsprechend höher bei einem Hb-Wert von 5,0 -6,2 mmol/L (8-10 g/dl).

15.3  Immunglobuline

Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollten intravenöse Immunglobuline NICHT aus Gründen der Behandlung der Sepsis angewendet werden.

15.4  Blutreinigungsverfahren

  • Unselektive Adsorptionsverfahren sollten im Rahmen der Sepsis oder beim septischen Schock nicht angewendet werden.
  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock spricht sich die aktuelle deutsch Sepsisleitlinie (2025) weder für noch gegen den Einsatz einer Polymyxin-B-Hämoperfusion aus. 
  • Die aktuelle deutsch Sepsisleitlinie (2025) spricht sich weder für noch gegen den Einsatz einer Plasmapherese bei Sepsis oder septischen Schock aus. 

15.5  Antikoagulation und Thromboseprophylaxe 

  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte eine pharmakologische Prophylaxe einer venösen Thromboembolie (VTE) mittels niedermolekularen Heparins (NMH) erfolgen.
  • Bei bei hochgradig eingeschränkter Nierenfunktion und/oder septischem Schock mit hohem Vasopressorbedarf sollte entweder niedermolekulares Heparin (NMH) unter engmaschigen anti-Xa Kontrollen oder unfraktioniertes Heparin (UFH) eingesetzt werden.
  • Die pharmakologische Prophylaxe einer venösen Thromboembolie kann auch bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock subkutan erfolgen.
  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte eine intermittierende pneumatische Kompression als VTE-Prophylaxe eingesetzt werden, wenn eine pharmakologische VTE Prophylaxe kontraindiziert ist.

15.6  Delirmanagement, Analgesie, Sedierung

Für Patienten mit Sepsis oder septischem Schock gelten keine anderen als die üblichen Regeln für Delirnmanagement und Analgosedieung.

Weitere Hinweise: S3-Leitlinie „Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie 2020)“ (AWMF Nr. 001/012, Stand vom 31.03.2021, gültig bis 30.03.2026).

15.7  Glukosemanagement

  • Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte ab einem Blutzuckerspiegel von ≥ 10 mmol/l (≥ 180 mg/dl) mit einer Insulintherapie begonnen werden.
  • Von einer strikten Glukosekontrolle (intensivierte Insulintherapie (4,4 -6,1 mmol/l bzw. 80 bis 110 mg/dl) sollte wegen der Gefahr der Hypoglykämie bei Patienten mit Sepsis oder septischen Schock Abstand genommen werden.

15.8  Stressulkusprophylaxe

  • Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollten nur bei vorliegenden Risikofaktoren für gastrointestinale (GI) Blutungen eine Stressulkusprophylaxe erhalten.
  • Bei vorliegenden Risikofaktoren für gastrointestinale (GI) Blutungen sollten die Patienten eine Stressulkusprophylaxe mit Protonenpumpeninhibitoren erhalten.
  • Patienten mit Sepsis oder septischem Schock weisen häufig einen oder mehrere der 3 unabhängigen Risikofaktoren (respiratorische Insuffizienz definiert als maschinelle Beatmung > 48 h, Gerinnungsstörung definiert als INR > 1,5 oder Thrombozytenzahl < 50 000/mm3 , akutes Nierenversagen) auf.

15.9  Vitamine

Bei Patienten mit Sepsis oder septischem Schock sollte hochdosiertes Vitamin C – weder als Monotherapie noch als Kombinationstherapie mit Hydrocortison und hochdosiertem Vitamin B1 (Thiamin) verwendet werden.

16  Einleitung der Nachsorge bei überlebter Sepsis

IQTIG

“Nachsorge:

Mitgabe eines Informationsblatts zur Sepsiserkrankung im Rahmen der Nachsorge liegen Empfehlungen für alle Patientinnen und Patienten mit Sepsis vor, die Diagnose der Sepsis für die nachsorgenden Leistungserbringer explizit und prominent in den Entlassdokumenten zu dokumentieren.”

Maßnahmen auf der Intensivstation

  • Regelmäßige klinische und laborchemische Verlaufsbeurteilung.
  • Physiotherapie und Mobilisation frühzeitig einleiten.
  • Psychosoziale Betreuung beginnen.
  • Angehörige frühzeitig aufklären und in die Behandlungsziele einbeziehen.
  • Delir vermeidende Maßnahmen durchführen: Schlaf-Wach-Rhythmus, reorientierende Maßnahmen, Einbeziehung der Angehörigen, akustischen und visuellen Stress reduzieren.
  • Aktive frühestmögliche Einbeziehung der Patienten in den Behandlungsprozess: Aufklärung, Einbeziehung in die Visite.
  • Feststellung möglicher Kognitive Dysfunktion
  • Diagnostik von ersten Anzeichen eines Post-Intensive Care Syndroms (PICS) und eines Post Sepsis Syndroms (PSS), Posttraumatische Belastungsstörungen und einer Critical-illness-Polyneuropathie / Critical-illness-Myopathie (CIP/CIM). 
  • Zur Vorbeugung von Langzeitfolgen nach überlebter Sepsis, insbesondere posttraumatischer Belastungsstörungen sollte während der gesamten Behandlungszeit auf der Intensivstation gemeinsam durch das medizinische Personal und die Angehörigen und Freunde des Patienten ein Patiententagebuch ausgefüllt werden.

Entlassmanagement

  • Sepsis-Überlebenden und deren Angehörige sowie das nachbehandelnde medizinische Personal sollten im Entlassbericht auf die Möglichkeit der Entwicklung eines Post-Sepsis-Syndroms hingewiesen werden.
  • Sepsis-Überlebenden und deren Angehörige sowie das nachbehandelnde medizinische Personal müssen über das Beratungsangebot von Selbsthilfegruppen informiert werden.
  • Es sollte eine Initiierung von Rehabilitationsmaßnahmen bei der Entlassung von der Intensivstation oder dem Krankenhaus erfolgen.
  • Im Entlassungsbrief muss auf die vorher genannten Punkte eingegangen werden. Dazu bietet sich folgender Textbaustein an: «Hinweis für die nachbehandelnden Ärztinnen und Ärzte: Ihr Patient litt an einer Sepsis mit schwerem Verlauf, der eine Intensivtherapie erforderlich machte. Obwohl die Akutphase der Erkrankung überstanden ist, besteht das Risiko der Entwicklung eines sogenannten Post Sepsis Syndroms, oft auch mit großer Verzögerung. Das Post Sepsis Syndrom kann vielfältige Probleme auslösen: physisch (Anhaltende Schwäche, Müdigkeit, Schmerzen), kognitiv (Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme) und psychisch (Posttraumatische Belastungsstörung. Angststörungen. Depression). Bitte weisen Sie Ihren Patienten auf die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit Selbsthilfegruppen hin (Deutsche Sepsis-Hilfe e.V.: https://sepsishilfe.org ).»
  • Den Angehörigen oder den Patienten selbst sollte im Krankenhaus eine Informationsbroschüre zu möglichen Langzeitfolgen und deren Behandlung ausgehändigt werden, z.B. die der Deutsche Sepsis-Hilfe e.V.:
    https://sepsis-hilfe.org/files/Inhalte/Dokumente/DSH_Infoheft_VIEW_Doppelseiten_20201103.pdf 

17   Schulung und Qualitätssicherung

Durch regelmäßige Schulungen des medizinischen Personals ist ein hoher Wissensstand zur Prävention, zum Erkenne, der Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Sepsis sicherzustellen.

Folgende Anforderungen sind zu erfüllen:

  • Bewusstsein für und Kenntnis möglicher Symptome und Veränderungen, die auf eine Sepsis hindeuten können
  • Kenntnis von Risikogruppen, die ein höheres Risiko für die Entwicklung von Infektionen/Sepsis haben und deren spezifischen Symptomen
  • Risikoeinstufung bezüglich der Entwicklung einer Sepsis bei Verdacht auf Infektionen
  • Kenntnis und Nutzung von Behandlungspfaden zur Eskalation im Fall einer Sepsis (z. B. Kenntnis über Therapiemaßnahmen wie Antibiotikagabe und Volumenzufuhr)
  • spezifische, auf die Patientengruppe zugeschnittene Schulungsinhalte (z. B. Meningokokken-Sepsis, neutropenische Sepsis, Sepsis in der Schwangerschaft)

Es ist sicherzustellen, dass die Mitarbeitenden zu der zu absolvierende Schulung regelmäßig informiert werden. Eine Aufforderung erst zum Jahresende ist zu vermeiden und sollten eher im Jahr erfolgen.

18  Referenzen

  • Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock (2021)
  • DIVI/DGAI Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge“ (aktuelle Fassung)
  • Robert Koch-Institut: Empfehlungen zur Prävention nosokomialer Infektionen
  • WHO: Guidelines on Hand Hygiene in Health Care (2009)
  • QS-Verfahren Sepsis (IQTIG): https://iqtig.org/qs-verfahren/qs-sepsis/ 

19  Mitgeltende Dokumente

SOP Präanalytik Blutkulturen

20  Schlussbestimmungen

Diese SOP ist für alle beteiligten Berufsgruppen verbindlich (Schließt auch Leiharbeitskräfte mit ein) und wird mindestens zweijährlich evaluiert oder bei gesetzlicher Änderung und / oder Aktualisierungen der Leitlinien angepasst.

Dieses Dokument wurde modifiziert nach: Arbeitspapier Standardarbeitsanweisung Sepsis (PD Dr. Matthias Gründling, SepsisDialog der Universitätsmedizin Greifswald) vom 14.01.2026